• Die KINDERGARTEN Elfe

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Aktualisiert: Nov 16

Eine Inspiration für die Märchenstunde im Kindergarten

Weiter geht’s mit der Märchenreihe!

In den letzten Wochen hast du in diesem Artikel erfahren, wie du das Anfangsritual und den Einstieg in deine Märchenstunde gestalten kannst. Und in einem weiteren Blogartikel ging es um Tipps und Tricks für’s Märchen erzählen und den Ausklang der Märchenstunde.


Im Sommer hab ich eine kleine Umfrage gestartet, welches Märchen ich für euch alle ganz genau ausarbeiten soll.


Und Tadaaa - am meisten wurde „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ genannt.


Hier ist nun ein fertig ausgearbeiteter Vorschlag, wie du das Märchen ohne großen Aufwand zu einem tollen Erlebnis für die Kinder gestalten kannst. Zur Vertiefung gibt’s nächste Woche nochmal „Die sieben Geißlein“, allerdings auf eine ganz andere Art und Weise. Sei also schon gespannt!


Ich hab bei der Umfrage noch soooo viele weitere Nennungen zugeschickt bekommen. Diese Märchen arbeite ich gerade für eine neue Themenmappe aus. Wenn du dich dafür interessierst, hab bitte noch ein wenig Geduld - in den nächsten paar Wochen wird die Mappe aber bestimmt fertig werden. Aktuell ist aber auch die Themenmappe "Frau Holle" hier erhältlich.


So, nun aber zu „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“

Das Anfangsritual

Ich beginne immer mit einem wiederkehrenden Anfangsritual, das ich dir hier ganz genau beschrieben habe.


Dazu sammeln sich die Kinder in einem anderen Raum, während du alles für die Märchenstunde vorbereitest. Wenn du fertig bist, dürfen die Kinder den Raum betreten:


Sie hören dabei im Hintergrund eine ruhige und schöne Musik und riechen einen feinen Duft in der Luft (ich liebe es, möglichst alle Sinne in ein pädagogisches Angebot mit einzubeziehen). Bei diesem Märchen könnte z.B. ein harziges Duftöl wie Tanne, Winterwald,… verwendest werden, da die Geißenmutter ja in den Wald geht.


Die Kinder gehen über den Märchenpfad und durchschreiten das Märchentor. Währenddessen könnt ihr diesen Spruch aufsagen:

„Breite deine Arme aus

und drehe dich im Kreis,

jetzt bist du im Märchenland,

such dir einen Platz ganz leis’.“

(Gabi Kastner)


Sind alle im Märchenland angekommen und sitzen gemütlich im Kreis, drehst du die Hintergrundmusik ganz zurück und der eigentliche Einstieg in die Märchenstunde kann beginnen.


Der Einstieg

In eurer Mitte liegt ein geheimnisvoller Koffer. Frage die Kinder, in welches Märchenland sie dieses Mal wohl gereist sind? Welches Märchen könnte sich im Inneren des Koffers befinden?

Nach einer kurzen Raterunde öffnest du ganz behutsam den Koffer und lässt die Kinder die dargestellte Szene betrachten. Wer kann schon erkennen, welches Märchen die Kinder gleich von dir hören werden?

Der Hauptteil

Erzähle nun den Kindern das Märchen „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ und beachte dabei die Tipps rund ums Märchen erzählen, die du hier nochmal im Detail nachlesen kannst.


Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald und Futter holen, da rief sie alle sieben zu sich und sprach: „Liebe Kinder, ich gehe hinaus in den Wald. Seid auf der Hut vor dem Wolf! Wenn er herein kommt, frisst er euch alle mit Haut und Haar. Er verstellt sich oft, aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn erkennen.“ Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“

Da meckerte die Alte beruhigt und machte sich auf den Weg.


Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“ Aber die Geißlein hörten an der rauen Stimme, dass es der Wolf war! „Wir machen nicht auf!“ riefen sie, „Du bist nicht unsere Mutter, die hat eine feine und liebliche Stimme! Aber deine Stimme ist rau- du bist der Wolf!“


Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: „Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du! Du bist der Wolf!“


Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach: „Ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber!“ Und als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, lief er zum Müller und sprach: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!“ Der Müller dachte, der Wolf will jemanden betrügen und weigerte sich. Da sprach der Wolf: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, so sind die Menschen.


Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: „Macht mir auf, Kinder! Euer liebes Mütterchen ist heim gekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht!“ Die Geißlein riefen: „Zeig uns erst deine Pfote damit wir wissen, dass du unsere liebe Mutter bist!“ Da legte er die Pfote ins Fenster und als sie sahen, dass sie weiß war, glaubten sie es wäre alles wahr, was er sagte und machten die Tür auf.


Wer aber hereinkam, das war der Wolf! Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das Eine sprang unter den Tisch, das Zweite ins Bett, das Dritte in den Ofen, das Vierte in die Küche, das Fünfte in den Schrank, das Sechste unter die Waschschüssel, das Siebente in den Kasten der Wanduhr.


Aber der Wolf fand sie alle und schluckte eins nach dem andern! Nur das Jüngste im Uhrkasten fand er nicht.


Dann trollte er davon, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und schlief ein. Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Wald zurück. Ach, was musste sie da erblicken! Die Haustür stand sperrangelweit offen: Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei ihren Namen, aber niemand antwortete.


Endlich, als sie an das Jüngste rief, hörte sie eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten!“ Sie holte es heraus und es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Ihr könnt euch vorstellen, wie sie um ihre armen Kinder geweint hat!


Traurig und voller Jammer ging sie hinaus und das jüngste Geißlein lief mit. Und als sie auf die Wiese kam, lag da der Wolf unter dem Baum und schnarchte, dass die Äste zitterten.


Sie betrachtete ihn von allen Seiten und sah, dass sich in seinem angefüllten Bauch etwas bewegte und zappelte. Ach Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinunter gewürgt hat, noch am Leben sein?


Da musste das kleine Geißlein nach Haus laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Wolf den Bauch auf und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus. Und als sie weiter schnitt, sprangen nacheinander alle sechs Geißlein heraus. Sie waren noch am Leben und hatten keinen Schaden erlitten, denn der Wolf hatte sie in der Gier ganz hinunter geschluckt.


Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften voller Freude. Die Alte aber sagte: „Jetzt geht und sucht Wackersteine! Damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, so lange es noch schläft.“ Da schleppten die sieben Geißlein in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch- so viel sie hinein bringen konnten. Dann nähte ihn die Altes so schnell wie möglich wieder zu. Der Wolf hat von allem nichts gemerkt.


Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine. Und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst bereiteten, wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und sich hin und her zu bewegen, stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief der Wolf:


„Was rumpelt und pumpelt

in meinem Bauch herum?

Ich meinte es wären sechs Geißlein,

so sind's lauter Wackersteine?“


Und als er beim Brunnen ankam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein und er musste jämmerlich ertrinken. Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie herbei gelaufen und riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.


(aus: Kicker, Kerstin: Mein erstes Märchenbuch. Die schönsten Märchen der Brüder Grimm. Arena Verlag 2008, S. 53ff.)


Der Ausklang

Welches Element bzw. Bild aus dem Märchen beschäftigt deine Kindergartenkinder am meisten? Dieses solltest du aufgreifen und in den Ausklang einfließen lassen. Meiner Erfahrung nach beschäftigt die Kinder das Thema „sich in Sicherheit fühlen“ bei diesem Märchen sehr. Biete nun den Kindern alle möglichen Legematerialen an, mit denen sie am Boden ihr eigenes Bild gestalten können. Das Thema der Legebilder könnte in diesem Fall dann „Ein sicherer Ort“ sein.


Ein sicherer Ort für jedes der sieben Geißlein

Schön finden es die Kinder auch, wenn sie zum Schluss alle fertigen Bilder mit Seilen, Schnüren oder Bändern verbinden können. Das könnt ihr dann gemeinsam zu deuten versuchen… (mich haben die Kinder dabei schon sooo oft überrascht! Auf welche weisen Deutungen die Kinder kommen, ist unglaublich!)


Das Ritual zum Abschluss

Ihr seid ja nach wie vor im Märchenland! Deshalb müsst ihr unbedingt in umgekehrter Reihenfolge das Märchenland wieder verlassen.

Dazu machst du die Hintergrundmusik wieder an und die Kinder verlassen durch das Tor und über den Pfad das Märchenland.

Dabei sagt ihr gemeinsam folgenden Spruch:


„Breite deine Arme aus

und drehe dich im Kreis,

jetzt gehst du aus Märchenland,

schleiche raus, ganz leis’.“

(Gabi Kastner)



Die Deutung zu „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“

nach Undine und Jens in Grün

Wenn du willst, kannst du hier noch die Interpretation des Märchens lesen, die ich von Undine und Jens in Grün zusammengefasst habe. Die vollständige, sehr ausführliche und interessante Deutung der beiden Autoren kannst du auf deren Website nachlesen, die ich hier für dich verlinkt habe.

"Der Wolf und die sieben jungen Geißlein" ist eines der bekanntesten Märchen und ist für viele Kinder faszinierend. Die klassische Botschaft lautet, daß die Kinder die Tür nicht öffnen sollten, wenn sie allein zu Hause sind. Im Mittelpunkt des Märchens stehen all unsere Ängste vor Betrügern, Einbrechern, Kindesentführern usw…

Die Brüder Grimm verfassten dieses Märchen, um Kinder mit wohldosierter Angst vor Gefahren zu schützen.

Welche tiefere Bedeutung für uns Erwachsene in diesem Märchen steckt, erfährst du im Folgenden:


Das Märchen dreht sich um die Frage: Was gilt es in uns zu beschützen und vor wem? Bei der Deutung stellt unser Bewusstsein die Mutter dar, und die sieben Kinder sind unsere fünf Sinne, unser Denken und unsere Vernunft.

Wenn wir nun unser Bewusstsein nach außen in die Welt richten - also in den Wald gehen - müssen wir unsere Sinne beschützen, um nicht vom „Wolf“ überwältigt zu werden.


Wer oder was könnte mit dem „Wolf“ gemeint sein? Im Märchen heißt es, dass wir ihn an seiner rauen Stimme, seinen unehrlichen Worten und seinen dunklen Taten (die schwarze Tatze) erkennen können. Im übertragenden Sinne könnte damit Begierde, Habgier, Hass, Illusion oder auch unsere Worte und Taten, usw. gemeint sein.

In unserer heutigen Welt sind wir alle von Reizüberflutung betroffen und werden bei jeder Gelegenheit mit Werbung (Täuschung mit Kreide, Brotteig und Mehl) überhäuft. Wenn unser Bewusstsein gerade „nicht zu Hause“ ist, sondern irgendwo da draußen umher wandert, lassen wir Negatives viel zu leicht in unser Leben.


Wenn es die Begierde dann irgendwann doch in unser Innerstes geschafft hat, ist es für die Sinne, das Denken und die Vernunft sehr schwer, sich davor zu verstecken.

  • Das Gefühl flüchtet unter die harte Tischplatte, die vielleicht als Panzer dienen soll.

  • Der Geschmack versteckt sich in der Küche.

  • Der Geruch verschanzt sich in den Ofen.

  • Das Gehör verkriecht sich im Bett unter die Kissen, damit es nichts mehr hören muss.

  • Die Augen verkriechen sich im dunklen Schrank.

  • Die Gedanken verstecken sich unter der Schüssel, worin gewöhnlich die Wäsche gewaschen wird und

  • die Vernunft flüchtet in den Uhrenkasten. Die Vernunft wird vom jüngsten Geißlein dargestellt, weil sie noch weiter wachsen muss.

Würde die Begierde alle sieben finden, wäre das Märchen an dieser Stelle zu Ende, da es die Vernunft für ein zufriedenes und glückliches Leben braucht.


Was hat es aber mit der im Uhrenkasten versteckten Vernunft auf sich?

Der Uhrkasten dient als Resonanzkörper einer Uhr. Die Uhren läuteten früher nicht nur, um die Zeit zu verkünden, sondern auch,

  • um die Menschen in die Gegenwart zu rufen,

  • sie aus ihren Alltagssorgen und Tagträumen zu reißen und

  • diente in gewisser Weise einer beständigen Achtsamkeit.

Diese Achtsamkeit könnte somit die Vernunft vor der Begierde retten.


Das Märchen rät uns, mit Hilfe der Vernunft die Begierde ausfindig zu machen - am besten, wenn sie gerade schläft. Wenn wir die Situation dann genau betrachten, erkennen wir, dass unsere Sinne verborgen, aber noch immer da sind.


Nachdem wir uns unserer Sinne und Gedanken wieder vollkommen bewusst geworden sind, braucht die Begierde laut der Brüder Grimm einen Ersatz, von der sie sich allerdings nicht mehr nähren kann. Für den Ersatz wählen sie Steine, da diese seit Jahrhunderten als Symbol der Unvergänglichkeit, Ewigkeit und Weisheit gelten. Das besiegen des Wolfes mit Hilfe der Steine kann somit als Prozess der geistigen Erkenntnis interpretiert werden.


Na, was meinst du zu der Deutung des Märchens? Viele Aspekte passen auch in unserer Zeit, oder?


Ich wünsch dir eine wundervolle Märchenstunde mit den Kindern,

die Kindergarten Elfe


P.S. Mittlerweile ist die Themenmappe "Märchen im Kindergarten" fertig und du findest darin wunderschöne Angebote zu den Märchen "Hänsel und Gretel", "Hans im Glück", "Dornröschen" und "Schneewittchen".